»Hof-Compositeur Bach« – Das Bachfest Leipzig 2019

14.–23. Juni 2019

Verehrte Besucher!

Johann Sebastian Bach war nicht nur der Leipziger Thomaskantor, der zur Ehre Gottes und der Stadt immer wieder unsterbliche Werke schuf. Er war auch ganze 15 Jahre seines Berufslebens hauptberuflich an Höfen tätig: zunächst als Organist und Konzertmeister in Weimar, sodann als Kapellmeister in Köthen. Noch als Thomaskantor sammelte er höfische Ehrentitel: 1729 wurde er außerordentlicher Kapellmeister des Weißenfelser Herzogs und ab 1736 auf sein Bitten hin »Königlich Polnischer und Kurfürstlich Sächsischer Hof-Compositeur«. Vielleicht zielte sein berühmtes Gastspiel in Potsdam ebenfalls darauf ab, Ehrenkapellmeister Friedrichs des Großen zu werden.

Bachs Wirken an den Höfen und für die Regenten führte zu vielen und vor allem vielseitigen Kompositionen: prachtvolle Festmusiken, virtuose Instrumentalwerke in den unterschiedlichsten Stilen und Gattungen und innovative Kirchenmusik. Kurz: Die Werke des »Hof-Compositeurs« Bach bestechen durch ein ausgesprochen breites Spektrum an Formen – ideales Material, um daraus ein vielfältiges Bachfest-Programm zu formen.

Wir haben vier Reihen gestaltet, die sich Bachs Schaffen für Weimar, Köthen, Dresden und Berlin widmen. In einer fünften Reihe, »Bach & Friends«, lernen wir Werke seiner höfischen Musikerfreunde kennen. Die Reihen sind voller Highlights und laden zu musikalischen Entdeckungen ein. Wir belauschen den Weimarer Hoforganisten Bach, wie er Vivaldis moderne Violinkonzerte ›inhaliert‹ und adaptiert und die Gemeinde – das sind Sie! – mit seinen kühnen Choralbegleitungen »confundiret«. In einem fünfteiligen Zyklus knüpfen wir an den »Kantaten-Ring« von 2018 an, denn wir setzen sämtliche Weimarer Kantaten aufs Programm, dargeboten von vier Ensembles, die ganz unterschiedliche aufführungspraktische Philosophien verfolgen. Ganz besonders freue ich mich, dass wir den legendären Wettstreit zwischen dem Weimarer Hoforganisten Bach (Andreas Staier) und dem Pariser Organisten Louis Marchand (Ton Koopman) auf die Bühne bringen werden.

Innerhalb der Köthen-Reihe schlüpft Nuria Rial in die Rolle der Sängerin Anna Magdalena Wilcke, verheiratete Bach, und es werden die Geburtstags- und Trauermusiken für Bachs Lieblingsregenten Fürst Leopold erklingen. Ähnlich opulent wird es zugehen, wenn die Lautten Compagney gemeinsam mit dem Publikum Tafel hält: in einer szenischen Darbietung von Bachs Jagd- und Schäferkantate.

Jordi Savall wird uns in der Nikolaikirche in die Welt des »Musikalischen Opfers« und damit nach Berlin entführen; ebenso Kristian Bezuidenhout mit dem Freiburger Barockorchester und all den virtuosen Werken, die Bach für die Stadt an der Spree verfasste. Einige der opulenten Huldigungskantaten des sächsischen »Hof-Compositeurs« Bach, die ihm später die Musik für das Weihnachtsoratorium lieferten, werden im szenischen Kontext aufgeführt, teils am Originalschauplatz, dem Leipziger Markt. Und natürlich setzt die h-Moll-Messe den traditionellen Schlusspunkt im Festivalreigen, diesmal mit dem Tölzer Knabenchor unter David Stern und einer Aufführungspraxis, die Bachs Musizieren auch in der Aufstellung der Musiker nachahmen soll. Lassen Sie sich überraschen!

Auch Bachs Passionsmusiken werden in frischen Formaten erklingen. Ich freue mich, dass das schon im Bachfest 2016 umjubelte englische Ensemble Solomon’s Knot nun mit der Johannes-Passion in die Nikolaikirche zurückkehrt, und dass wir das Stück zugleich in der Leipziger Oper – ebenso wie das Magnificat – in Ballett-Inszenierungen erleben können. Die Matthäus-Passion wird in einer überaus berührenden szenischen Produktion aus Bonn die Peterskirche in den Hügel Golgatha verwandeln.

Weil es uns, dem Forschungsinstitut Bach-Archiv, immer zentrales Anliegen ist, auch neueste Forschungsergebnisse im Bachfest hörbar zu machen, blicken wir mit Spannung auf die anstehende Aufführung von Gottfried Heinrich Stölzels Passionsoratorium »Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld« durch Hermann Max und seine Rheinische Kantorei. Wie wir seit Kurzem wissen, führte Bach dieses faszinierende Werk 1734 in der Thomaskirche auf. Wir wollen seiner Begeisterung für den Gothaer Kollegen erstmals wieder am Originalschauplatz nachspüren.

Natürlich ist unser gut gefüllter Festivalkalender auch wieder mit erlesener Kammermusik gespickt, teils in Nachtkonzerten, teils an ungewöhnlichen Orten. Kristian Bezuidenhout, unser Artist in Residence, wird in zwei Recitals – einmal im Duett mit Isabelle Faust – den Tastenvirtuosen Bach von verschiedenen Seiten beleuchten. Sir András Schiff setzt seine Reise durch Bachs »Clavier-Übungen« fort, und Pierre Hantaï widmet sich den Goldberg-Variationen. Ein ganz besonderes Erlebnis verspricht die intime Kammermusik von Ton Koopman, seiner Frau Tini Mathot und Bachs Bass-Stimme par excellence Klaus Mertens, die damit ihr gemeinsames 40-jähriges Bühnenjubiläum feiern – für die Stadt Leipzig Grund genug, dem einzigartigen Sänger für seine unvergleichlichen Verdienste im Konzert in der Universitätskirche die Bach-Medaille zu überreichen.

 

Wie Sie sehen, erwartet uns also ein Bachfest von außergewöhnlicher Vielfalt, wie immer bereichert um Konzertfahrten an andere Bach-Orte sowie eine Vortragsreihe und eine Ausstellung im Bach-Museum, die das Festivalthema erhellen und überraschende Einblicke in die Forschungswerkstatt des Bach-Archivs liefern werden.

Versäumen Sie aber auch nicht, jenseits der Kirchen Johann Sebastian Bachs den Werken seiner großen Leipziger ›Anwälte‹ Felix Mendelssohn Bartholdy sowie Clara und Robert Schumann an deren originalen Spiel- und Wohnstätten zu lauschen. Ich freue mich sehr, dass es durch die wunderbare Zusammenarbeit mit dem Gewandhaus und dem Mendelssohn-Haus auch 2019 wieder gelungen ist, im Bachfest-Programm einen umfangreichen Mendelssohn-Schwerpunkt anzubieten, darunter Konzerte des Gewandhausorchesters unter Herbert Blomstedt und die Aufführung des berühmten »Christus«-Fragmentes.

Ich bin ebenfalls dankbar, dass sich am Bachfest erneut so viele Kooperationspartner, Förderer und Sponsoren aus Stadt, Wirtschaft und Gastronomie beteiligen. Ohne sie wäre das Bachfest nicht Jahr für Jahr ein Magnet und ganzheitliches touristisches Erlebnis für die vielen Gäste aus dem In- und Ausland – und ein Festival, das es sich trotz wachsender Größe zum Credo erhoben hat, die individuellen Bedürfnisse und Erwartungen der Bach-Pilger von nah und fern so gut wie möglich zu erfüllen.

Herzlich willkommen in Leipzig!

 

Ihr Michael Maul

Intendant des Bachfestes

off

simple div

simple div