Festrede Helmut Schmidts zur Eröffnung des Bach-Festes 1999

Bachfest
Mi 12.5.99

Helmut Schmidt (1918–2015); Foto: NVPMeine Damen und Herren, liebe Leipziger,

zu Zeiten der DDR und Erich Honeckers bin ich dreimal in Ihrer Stadt gewesen. Alle drei Besuche haben sich meiner Frau und mir im Gedächtnis sehr eingeprägt. Das letzte Mal, das war in der ersten Novemberwoche des Herbstes 1989. Wir waren zusammen mit Manfred Stolpe nur zwei halbe Tage und eine Nacht dazwischen hier in Leipzig, aber wir haben damals das gefährliche Knistern in der Atmosphäre sehr deutlich gespürt. Wir mußten ja für möglich halten, daß geschossen würde. Wenige Tage drauf fiel ohne Blutvergießen die Mauer, und wir waren überglücklich. Der vorangegangene Besuch lag drei Jahre vorher, und er kam zustande, weil die Bonner Regierung unter Kanzler Kohl auf meinen Vorschlag hin den Leipziger Maler Bernhard Heisig beauftragt hatte, ein Porträt von mir zu machen. Und wir haben damals nicht nur Heisig und seine heutige Ehefrau Gudrun Brüne kennengelernt, sondern auch Kurt Masur, dem Ihr Leipziger so vieles zu danken habt, und alle drei sind inzwischen unsere Freunde geworden.

Aber der wichtigste Besuch, der lag damals schon lange Zeit zurück, von heute aus gesehen liegt er mehr als ein Vierteljahrhundert zurück. Er fiel in eine Zeit, in der es für einen westdeutschen Politiker ein bißchen kitzlig war, einen Besuch in der DDR zu machen, viel schwieriger, als einen Besuch in Moskau zu machen, aber die Leipziger Messe hatte mir - ich war damals in Bonn Finanzminister - sie hatte mir den erwünschten Anlaß gegeben zum Besuch in Eurer Stadt. Und an einem für mich zufällig freien Abend ergab es sich, daß hier in der Thomaskirche eine Bachsche Kantate gegeben werden sollte. Und wir haben daraufhin mit dem Kirchenbüro telefoniert, um Einlaß gebeten, um unauffälligen Zugang gebeten, und man sagte uns, kommen Sie zwei Minuten vor Beginn, der Pastor wird Sie am Seiteneingang erwarten. Und so geschah es auch. Der Pastor führte meine Frau und mich zu unseren Plätzen im Chor der Kirche - die Kirche war so voll wie heute abend - und die Musik begann, kaum daß wir uns hingesetzt hatten. Und wir ließen unsere Augen etwas verstohlen und unauffällig durch die Kirche gehen und sie fielen auf eine einzelne langstielige Rose, die vor uns auf dem Boden lag. Und genauer hingesehen, lag die Rose auf einer Grabplatte, die in den Fußboden eingelassen war, eine schmucklose Grabplatte, aber sie trug Johann Sebastian Bachs Namen und seine Lebensdaten. Mich hat damals eine kaum beschreibliche innerliche Rührung und Erregung ergriffen, denn dieser Augenblick, Bachs Musik im Ohr, seine Thomaskirche und seinen Namen vor Augen, dieser Moment hat mir alles das auf einmal ins Bewußtsein gerufen, was ich im Laufe meines Lebens der Bachschen Musik verdankt habe. Zu Besuch in der DDR zu sein, das war allein schon aufregend genug. Aber nun kam die Begegnung mit einem der größten Geister hinzu, die unser Volk jemals hervorgebracht hat. Kaum jemals habe ich tiefer gefühlt, was es bedeuten kann, ein Deutscher zu sein. Und ebenso hab ich kaum jemals deutlicher empfunden, welches Glück aus der Musik fließen kann.

Natürlich haben damals danach beim Herausgehen einige Leipziger uns kleine Zettelchen zugesteckt, darunter waren auch Hilferufe wegen Angehöriger, die im Gefängnis saßen, und einigen wenigen haben wir später im Laufe der Zeit mit Hilfe des Ostberliner Anwalts Wolfgang Vogel tatsächlich helfen können, das heißt, tatsächlich die Freiheit erkaufen können. Und dieser Umstand hat meine glückliche Erinnerung an jenen allerersten Besuch in Leipzig natürlich noch verstärkt, aber zu allermeist hat sich mir der Abend hier in der Thomaskirche eingeprägt, gefüllt mit seiner Musik und seinem Grabstein vor Augen.

Herr Oberbürgermeister Tiefensee hat vorhin erwähnt, daß Bach einmal geschrieben hat, Musik sei „zur Rekreation des Gemütes“, und das ist, wie ich glaube, ein wahres Wort. Rekreation, das bedeutet in unserer heutigen Sprache wohl Erholung. Heute würde Bach vielleicht sich so ausdrücken, daß er sagt, Musik gilt der Erneuerung der Seele. Aber natürlich bedarf jeder von uns einiger Anleitung um zu lernen , wie man Musik hören kann. Das ist wie mit Sprechen und Lesen und Schreiben, das müssen wir auch alles erst lernen. Ich hab in meiner Kindheit Glück gehabt, denn dank meiner Mutter und dank meiner sehr musikfreudigen Schule habe ich relativ früh gelernt, Musik zu hören. Meine Mutter hatte als junges Mädchen vor dem Ersten Weltkrieg im Kirchenchor gesungen. Und deshalb war es ganz natürlich, daß bei uns in der Wohnung sich oft ihre Geschwister und ihre Cousinen und Cousins ums Klavier versammelten, um vierstimmig zu singen. Und einer meiner Onkel, der war Musiklehrer an einer Volksschule, der war sozusagen der Leiter dieses ganz kleinen Familienchores. Und ein- oder zweimal hat der Onkel uns damals, das muß 1930 gewesen sein oder ‘31, ein- oder zweimal hat er uns die Goldberg-Variationen vorgespielt; und mir erschienen sie mit meinen damals 12 oder 13 Jahren als der absolute Höhepunkt polyphoner Musik. Und wenn ich heute mit 80 Jahren Glenn Goulds Interpretationen der Goldberg-Variationen mit Hilfe einer CD wieder und wieder höre, so wollen sie mir immer noch und abermals als ein absoluter Höhepunkt der Musik schlechthin erscheinen. Damals hat mir der Onkel einen Nachdruck geschenkt des Notenbüchleins der Anna Magdalena Bach, und manche der Stücke, die da drin enthalten sind, konnte ich spielen, andere waren viel zu schwierig, zum Bespiel die e-Moll-Partita, aber es gibt im Notenbüchlein der Anna Magdalena auch eine Aria in G-Dur, und die konnt’ ich spielen, und erst Jahrzehnte später hab ich begriffen, daß jene Aria aus meiner Kinderzeit zugleich das Thema der Goldberg-Variationen ist.

Mich hat die Klarheit, die Durchsichtigkeit und die Ordnung der polyphonen Barockmusik stets mehr angezogen, das muß ich bekennen, als alle Klassik und alle Romantik. Pachelbel, Buxtehude, Telemann , Vivaldi, Purcell, Händel, das waren meine Komponisten, vor allem aber Bach. Je durchsichtiger eine Musik war, um so besser ging sie in mein Ohr. Und so haben wir auch in der Schule gesungen, natürlich daneben auch Modernes, die frechen Songs von Brecht und Weill, aber zum Beispiel auch Hindemith, an den ich vorhin denken mußte, als wir die beiden Motetten gehört hatten. Hindemith hat über Johann Sebastian gesagt, ich zitiere ihn: „Es ist also dies das Wertvollste, was wir mit Bachs Musik geerbt haben, die Schau bis ans Ende der dem Menschen möglichen Vollkommenheit und die Erkenntnis des Weges, der dahin führt, das Unentrinnbare, pflichtbewußte Erledigen des als notwendig Erkannten, das aber, um zur Vollkommenheit zu gelangen, schließlich über jene Notwendigkeit hinauswachsen muß.“ Diese Bach-Rede Paul Hindemiths liegt heute ein halbes Jahrhundert zurück, mehr als das. Und Hindemith hatte sich längst als Musiker und als Komponist durchgesetzt, er besaß alle Legitimation, über Johann Sebastian zu reden. Ich hingegen bin nur ein Dilettant, ich bin weder ein Musiker, noch ein Musikkritiker, noch ein Musikhistoriker, und deshalb ist es mit Verlaub weit übertrieben, wenn in dem heutigen Programm von mir als von einem Festredner oder Festansprache oder sowas die Rede ist. Vielmehr bin ich allerdings ein lebenslänglicher Freund der Musik, einer von denen, für die Johann Sebastians Musik - nämlich wegen der „Rekreation des Gemütes“ - eine Lebensnotwendigkeit geworden ist. Nun darf man freilich jenes vielzitierte Wort Bachs nicht mißverstehen, denn seinem Wort geht ein anderes Wort Bachs voraus, nämlich dieses: „Zweck aller Musik solle nichts anderes sein, als nur zur Ehre Gottes“, und dann gehts weiter, „und zur Rekreation des Gemüts“. Mir will scheinen, daß in einer umgekehrten Richtung diejenigen wohl zu weit gegangen sind, mindestens einen Schritt zu weit gegangen sind, die Johann Sebastian den fünften Evangelisten genannt haben. Mir will scheinen, das Schaffen des Thomaskantors hat sich ganz im Geiste des Luthertums seiner Zeit vollzogen, in einem ungebrochenen Verständnis des Glaubens. Er war von Aufklärung und Rationalismus noch kaum berührt, sondern er war ein im Glauben gebundener Mensch. Religio heißt auf deutsch, wörtlich übersetzt: Rückbindung. Und Bach war ein im Glauben rückgebundener, ein im Glauben rückversicherter Mann. Nicht wollte er ein Prediger sein oder gar ein Evangelist, sondern er diente Gott durch seine Musik, er diente auch den Menschen ohne inneren Zweifel an der vorgefundenen Ordnung. Und so hat er viele Male an den Schluß einer neuen Musik gesetzt die drei Worte „Soli Deo Gloria“ und manchmal wird, zum Beispiel am Ende seiner eigenhändigen Notenreinschrift der Matthäus-Passion, abgekürzt mit den vier Buchstaben S.D.Gl. - Soli Deo Gloria.

Wer übrigens Bachs Notenhandschrift einmal vor Augen gehabt hat, und es gibt ja eine ganze große Zahl von Abdrucken, klar, wohlgegliedert, ungemein kraftvoll, wer diese Notenhandschrift vor Augen hat, der erkennt, dieser gottergebene Mensch war zugleich sich seines eigenen Ranges sehr wohl bewußt; ein robuster, ein selbstbewußter Mann. Er hat mehrfach trotzig seine Rechte und seine Ansprüche verteidigt, er hat sich mit dem Herzog von Weimar gestritten, und der hat ihn dafür wochenlang eingesperrt, und er hat sich natürlich auch mit dem Rat der Stadt Leipzig angelegt - muß bisweilen wohl so sein; auch hat er bisweilen sehr eigenmächtig Urlaub genommen, um in anderen Städten anderen Musikern, vor allem Organisten zuzuhören, ohne den Urlaub beantragt zu haben. Aber dann hat er doch auch in mehreren seiner sogenannten weltlichen Kantaten dieser Stadt Leipzig gehuldigt. Eine davon trägt den Titel: „Erwählte Pleißenstadt“. Übrigens, ich hab die Pleiße nie gesehen, obwohl ich inzwischen viele Male hier in Leipzig bin, ihr müßt die versteckt haben, glaube ich.

Bach hat in seinem Werk sehr vieles von Berufs wegen komponieren müssen. Daraus sind zum Beispiel diese ungezählten Kirchenkantaten entstanden, über 200 davon sind erhalten geblieben, möglicherweise waren es über 300 ursprünglich. Er hat auch für seine Schüler komponieren müssen, vieles aus seiner Musik war Pflicht und keineswegs Kür. Aber wenn zum Beispiel die für die Schüler geschriebenen Zweistimmigen Inventionen gleichwohl musikalisch so hervorragend gelungen sind, dann zeigt dies, wie sehr dieser Mann seine Pflichten ernst genommen hat. Bach strebte nach höchster Vollendung, nach höchster Vollkommenheit seiner Musik, ob in der Kunst der Fuge, ob im Wohltemperierten Klavier oder ob in der Matthäus-Passion. Wenn allerdings einer von uns Heutigen ihm gesagt hätte, in Wahrheit strebe er doch nur nach Selbstverwirklichung, dann hätte Bach sowohl das Wort nicht verstanden, sondern auch hätte er dessen inneren Sinn kaum akzeptiert. Denn Bach war einer, der sich mit einer gewissen Demut in die bestehende Ordnung eingefügt hat. Er wollte nicht etwas kolossal Neues schaffen, so wie später Richard Wagner oder wie Arnold Schönberg, gleichwohl, so denke ich, war seine Musik progressiv, zukunftsweisend. Einerseits baute er auf allem auf, was es vorher gegeben hatte, er holte sich Anregungen und Vorbilder aus Polen, aus England, aus Frankreich - er bewunderte Rameau -, aus Italien - denken wir nur an Vivaldi -, aber er wies eben auch andererseits in die Zukunft. Mozart hat von ihm gesagt, wörtlich: „Bach ist der Vater, wir sind die Buben. Wer von uns was rechtes kann, der hats von ihm gelernt.“ Und Beethoven und Brahms und Richard Wagner, jeder von ihnen für sich hat Bach mit höchstem Lob gewürdigt, und ich selbst habe es ähnlich gehört von Herbert von Karajan oder von dem Amerikaner Lennie Bernstein.

Ich denke, gemeinsam mit Händel hat Bach eine neue Ebene geschaffen, von der aus die Musik Europas sich weiter entfaltet hat. Aber gleichzeitig muß man sagen, ebenso wie Händels Messias oder wie Händels Orchesterwerke uns heute mitreißen, so nach wie vor eben auch Bachs h-Moll-Messe oder sein Italienisches Klavierkonzert oder seine Orchestersuiten oder seine Brandenburgischen Konzerte. Wir Heutigen , wir hören, zehn Generationen, ein Vierteljahrtausend später, ein Vierteljahrtausend später, wir hören seine Musik immer noch mit dem größten Vergnügen und mit Selbstverständlichkeit, ganz so, als gehöre diese Musik zu unserer eigenen Zeit. Und diese Musik, die erträgt ohne jeden Schaden beinahe jedwede Bearbeitung, von Busoni bis zu Leopold Stokowski und von Jacques Loussier bis zu den Swingle Singers. Und ich denke, das wird noch lange Zeit so bleiben, so daß Johann Sebastian also nicht einfach Geschichte ist, sondern er ist auch unsere Gegenwart, und so denke ich, auch ist er Zukunft, die noch vor uns liegt.

Gleichwohl ist er eben auch ein wichtiger Teil unserer deutschen Geschichte. Kein Volk auf der Welt kann auskommen ohne geschichtliche Identität. Und wenn heutzutage einige Deutsche unsere deutsche Geschichte dargestellt wissen wollen als bloß eine Kette von Versagen und Versäumnissen und Verbrechen, dann kann mit dergleichen einseitigem Flagellantismus unsere Gegenwart, es kann sogar die Zukunft unseres Volks ins Schwanken geraten. Denn eine solche Interpretation der eigenen Geschichte, die kann zu einer sich selbst erfüllenden Prophetie werden. Sie kann neue Katastrophen zeugen, und dergestalt kann die Zukunft verlorengehen.

Es ist wahr, deutsche Geschichte hat große Schatten, aber keineswegs ist sie gleichbedeutend mit einer andauernden Finsternis; da gibt es auch sehr viel Licht und Glanz. Und die Verehrung, die deutscher Musikkultur überall in der Welt entgegengebracht wird, die erlaubt uns sogar ein wenig Stolz. Stolz darüber, zu dem großen kulturellen Zusammenhang Europas, zu dem musikalischen Kontinuum Europas, zu dem auch Bach gehört hat, zu dem Kontinuum, in dem Bach als ein Vollender und als ein Verwandler gewirkt hat, Stolz darüber, daß wir diesem kulturellen Kontinuum der Europäischen Völker zugehören und dazu beigetragen haben. Jedenfalls denke ich, dieser Stolz ist dann legitim, wenn wir keinen Alleinbesitz behaupten oder beanspruchen, nicht bei Bach, nicht bei anderen Großen in der Musik. Musik ist ein transnationales kulturelles Phänomen, und Johann Sebastian ist ein Teil der gemeinsamen europäischen Musik, die von Palestrina bis zu Prokofjeff reicht oder Schostakowitsch, oder von Verdi bis zu Gustav Mahler; übrigens ein in der Menschheitsgeschichte der Welt einmaliges Gewebe und Mosaik.

Zum Schluß, meine Damen und Herren, angesichts der gegenwärtigen Überflutung unserer Kinder mit Fernsehen und mit Geräusch muß man besorgt sein, daß deren Bahn abschüssig in Stumpfheit führen könnte, in Taubheit für Musik führen könnte. Ohne Musik, das könnte durchaus das Schicksal einer Generation werden, die heute in einem Meer von Geräuschen zu ertrinken droht, oder von „Geplärr und Geleier“, wie Johann Sebastian Bach das einmal genannt hat, „Geplärr und Geleier“. Es sollte, denke ich, um die Bewahrung unserer musikalischen Kultur gehen, oder besser will ich mich ausdrücken, um die immer neue Erschaffung der Musikkultur der jeweiligen Generation. Laßt uns also dafür sorgen, daß in unseren Wohnungen, daß in unseren Schulen gesungen wird, nicht nur in der Kirche, aber auch in der Kirche gesungen wird, Musik gemacht wird, auf daß die nachwachsenden jungen Leute lernen, an der Musik Freude zu haben.

Ich danke Ihnen sehr fürs Zuhören.

Helmut Schmidt am 12. Mai 1999

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