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No 128 Passion: Begrenzung

I. Strawinsky: Les cinq doigts (1921) • C. Wolff: For Pianist I (1959) • W. Heisig: Klaviertöne (1985–2026, Auswahl) • E. Satie: Croquis et agaceries d’un gros bonhomme en bois (1913) • K. Müller: Madrigal (2017) • M. Feldman: Palais de Mari (1986)
Künstler: Steffen Schleiermacher (Klavier, Moderation)
Der Begriff »Passion« ist mehrdeutig: Er umreisst einerseits eine grenzenlose Leidenschaft und Enthusiasmus für etwas – oder jemanden. Auf der anderen Seite bezeichnet er aber auch einen schmerzerfüllten Leidensweg, überhaupt das Ertragen von Schmerzen. Beides scheint zuweilen miteinander verbunden zu sein. Die beiden Konzerte im Grassi-Museum begeben sich zu Extrempunkten: Entgrenzung und Begrenzung. Entgrenzt kann auch eine Leidenschaft sein, sowohl im positiven wie auch im negativen Sinne. Die Liebe vermischt wohl beide Seiten am ehesten ... Entgrenzt in völlig anderem Sinne sind die Exilerfahrungen von Hanns Eisler, Else Lasker-Schüler, Erich Arendt oder Bertolt Brecht. Und pathologisch entgrenzt dürfte die vielfache Giftmörderin aus der unheimlichen Ballade von Adelbert von Chamisso sein. Andere Komponisten suchen eher die Begrenzung: Igor Strawinsky lobt diese sogar als eigentliche Inspiration: »Meine Freiheit wird umso größer und umfassender sein, je enger ich mein Aktionsfeld abstecke und je mehr Hindernisse ich ringsum aufrichte. Wer mich eines Widerstandes beraubt, beraubt mich einer Kraft. Je mehr Zwang man sich auferlegt, umso mehr befreit man sich von den Ketten, die den Geist fesseln.« Unterschiedlich sind die selbstauferlegten Fesseln: kleine Tonauswahl, extreme Kürze, überschaubares musikalisches Material, einheitliches Muster… Und doch findet sich in solchen Mikrokosmen eine große und leidenschaftliche Klangwelt. Hören Sie!