Zyklen – Das Bachfest Leipzig 2018

08.–17. Juni 2018

Zyklen prägen den Weltlauf, unser Leben, das Jahr und den Tag. Zyklen sorgen für Ordnung und Rhythmus in einer unüberschaubaren Welt. Sie sind Konstanten, zeitigen Rituale, schaffen Verlässlichkeit.
Kein Wunder, dass der Zyklus auch in der Kunst ein beliebtes Gestaltungsmittel ist – immer dann, wenn ein Künstler möglichst viel ausdrücken möchte, seine Idee Raum zur Entfaltung braucht oder die Größe seines Werks schlichtweg einen gliedernden Gedanken benötigt.


Johann Sebastian Bach machte da keine Ausnahme. Schon die Werktitel belegen es: »Aria mit 30 Veränderungen« (BWV 988), gleich zweimal »24 Präludien und Fugen durch alle Tonarten«, »Sechs Brandenburgische Konzerte«, »sechs Cellosuiten« etc. etc. – Bach mochte es zyklisch. Und weil Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen hat, umfassen Bachs Zyklen fast immer sechs Kompositionen oder ein Vielfaches dieser biblischen Zahl. Soli Deo Gloria!
Bachs Vorliebe für zyklische Formen und für Werkgruppen, in denen er systematisch die kompositorischen Möglichkeiten eines einzigen Themas oder einer bestimmten Gattung auslotet, sind uns Anlass, das Bachfest 2018 unter das Motto »Zyklen« zu stellen. In – selbstverständlich – sechs Reihen erklingen Bachs zyklische Werke bzw. werden seine Werke zyklisch aufgeführt. Eine besondere, siebente Reihe ist Felix Mendelssohn Bartholdy gewidmet, dem wichtigsten ›Anwalt‹ Bachs im Zeitalter der Romantik.


Am Beginn des Bachfestes steht der monumentale »Kantaten-Ring« – eine zyklische Aufführung der 30 ›besten‹ Bach-Kantaten in zehn Konzerten, präsentiert von den Bach-Autoritäten unserer Zeit. In 18 Stunden Musik erklingen so Bachs musikalische Reflektionen auf ein ganzes Kirchenjahr – gewiss ein Kunstprodukt, das er so nie aufgeführt hätte. Und doch wird der »Kantaten-Ring« uns vor Ohren führen, wie konsequent Bach seinen »eigentlichen Endzweck, nämlich eine regulierte Kirchenmusic zu Gottes Ehren« zu schaffen, immer wieder erfüllte: mit einem schier endlosen Zyklus von Reflektionen auf die sonntäglichen Evangelientexte – Meisterwerke, komponiert im Wochentakt und mit einem Ideenreichtum, der schlichtweg überwältigend ist.


Überwältigend sind auch Bachs Vertonungen der Passionsschilderungen nach Matthäus und Johannes. Sie bilden den Mittelpunkt des Passions-Zyklus. Mit der Aufführung der Matthäus- Passion wird das für seine Bach und Schütz-Einspielungen gefeierte französische Ensemble La Chapelle Rhénane sein Debüt im Bachfest geben. Die Johannes-Passion erklingt als Ballett in einer Produktion der Oper Leipzig. Flankiert werden Bachs Passionen von zwei hochinteressanten Werken, die die Passionsgeschichte nicht aus der distanzierten Perspektive der Evangelisten, sondern als geistliche Opern erzählen: »Gesù al Calvario« (1735) von Bachs Freund, dem begnadeten Dresdner Hofkomponisten Jan Dismas Zelenka, und das neuentdeckte, seinerzeit als skandalös empfundene Passions- Oratorium »Der blutige und sterbende Jesu« (1729) von Reinhard Keiser.


Robert Levin, Nelson Goerner, Alexander Melnikov, Andreas Staier und das Ensemble Phantasm dokumentieren im Zyklus »Wohltemperiertes Clavier«, dass Bach der Quintenzirkel buchstäblich zu Füßen lag. In ihren Konzerten werden sie aber auch die ideellen Vorbilder und Nachahmungen dieses legendären Zyklus durch alle Tonarten präsentieren: von Fischer über Mozart, Chopin, Mendelssohn bis hin zu Schostakowitsch.
Kontextualisierung ist auch das Konzept eines Zyklus, der sich Bachs gedruckten »Clavier-Übungen« widmet. An aufeinanderfolgenden Abenden ›feiern‹ die Organisten Ullrich Böhme und Wolfgang Zerer an der Bach-Orgel der Thomaskirche Bachs sogenannte »Orgelmesse«, bereichert um zentrale andere Orgelwerke Bachs. Danach bietet Sir András Schiff in nur einem Konzert Teil II und Teil IV der »Clavier-Übungen«, also auch Bachs unsterbliche »Goldberg-Variationen«. Und schließlich bringt Jean Rondeau, der mit Auszeichnungen überhäufte große Newcomer in der Cembalistenszene, die Tasten zum Glühen: mit einem rauschenden Recital, in dessen Zentrum das »Italienische Konzert« steht.
Funkelnd virtuose Erlebnisse verspricht ebenfalls die Aufführung von Bachs berühmtestem Zyklus: Die »Sechs Brandenburgischen Konzerte«, dargeboten vom gefeierten tschechischen Ensemble Collegium 1704 unter Václav Luks.
Intime Kammermusik erwartet Sie in dem Zyklus »Sechs Cellosuiten«, für den wir mit Pieter Wispelwey die derzeitige Instanz in Sachen Cellosuiten – dokumentiert in drei preisgekrönten Einspielungen – erstmals ins Bachfest verpflichten konnten.


Felix Mendelssohn Bartholdy ist Stammgast in unserem Festival – und einer der wandlungsfähigsten Komponisten des 19. Jahrhunderts. Die Vielgestaltigkeit seiner Werke und deren enge Beziehungen zu Bachs Oeuvre werden sich zeigen im »Großen Concert « des Gewandhausorchesters und in der Interpretation des »Elias« durch das Bach Collegium Japan unter M. Suzuki. Beide Komponisten geben sich sodann ein Stelldichein in der zyklischen Aufführung ihrer je sechs Orgelsonaten und einer Gegenüberstellung von Bachs Motetten mit Mendelssohns Choralkantaten.


Selbstverständlich wartet das Bachfest auch wieder mit vertrauten Konstanten auf: Im Eröffnungskonzert stellt der Thomaskantor Gotthold Schwarz mit seinen Thomanern zyklische Werke aus der älteren Geschichte des Thomanerchors in den Vordergrund. Und im Abschlusskonzert wird er erstmals im Bachfest die h-Moll-Messe dirigieren. Umrahmt werden die sechs Zyklen von einem sechsteiligen Vortragszyklus und den bewährten Orgelfahrten, Gottesdiensten und Metten. Und nicht zuletzt: von einem breit gefächerten Freiluftprogramm auf dem Marktplatz, in dem u. a. Jazz-Legenden wie Klaus Doldinger, eine deutsch-amerikanische Jugendakademie und das MDR-Orchester für eine entspannte ›Bachmosphäre‹ und ganz unterschiedliche Annäherungen an Bach sorgen werden.

Der Jahrgang 2018 bietet mit seinen 161 Veranstaltungen somit alles, was das Bachianer-Herz in der »wahren Sebastianstadt« (Mendelssohn) höher schlagen lässt – ein Panoptikum an Meisterwerken, präsentiert von den großen Interpreten unserer Zeit in Bachs eigenen Spielstätten. Kurz: Viel Raum zum Staunen: »wie wunderbar sind Deine Werke!«
Michael Maul

 

Sir John Eliot Gardiner Präsident
Prof. Dr. Peter Wollny Direktor
PD Dr. Michael Maul Dramaturg

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